Hinweis: Leserbriefe sind uns willkommen.
Sie geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.
Und sollten sachlich bleiben.    Hans Brühl, Chefredakteur


 

• Vergangenheit kennen
• Gegenwart verstehen
• Zukunft gestalten

– Gedanken über den Brieftaubensport der Zukunft –

Seit Jahren diskutiert man über das Image des Brieftaubensports, den Mitgliederschwund, die Nachwuchsprobleme, die Neuorganisation des Verbandes, die Reiserichtungen, die Flugentfernungen und, last but not least, über die Meisterschaftssysteme und die Bewertungskriterien unserer As-Tauben. Aber woran hapert es denn wirklich in unserem geliebten Hobby?

Mitgliederschwund und Nachwuchsprobleme

Natürlich werden viele sagen, ich kann das nicht mehr hören, die Situation ist ebenso wie sie ist, die Dinosaurier sind auch mal ausgestorben, wer das Hobby nicht als familienfreundlich sieht, soll nach Alternativen suchen, wie z.B. eine Schlaggemeinschaft gründen oder muss eben sein geliebtes Hobby an den Nagel hängen. Die Alterspyramide des Brieftaubensports kennt jeder, aber wenn man weiß, dass sie genauso aufgebaut ist, wie die aktuelle Bevölkerungsstruktur Deutschlands, dann weiß man, dass unser geliebtes Hobby vor einem elementaren Umbruch steht.
Der Brieftaubensport ist aufgrund seiner "Professionalisierung" mittlerweile zu einer Ganzjahresveranstaltung geworden – war er nicht immer-, jeder muss das ganze Jahr Brieftaubenzüchter sein, aber besonders in der Reisesaison von März bis September, wenn er bei den diversen Meisterschaften dabei sein will. Damit einhergehend ist, dass Familien in den Hauptschulferienzeiten darunter leiden, dass der Papa keine Zeit für Urlaub hat, mit der Folge, dass nicht nur der Familienfrieden gestört ist sondern der Papa dann auch wieder das Handtuch wirft. Von einem Neuanfänger ganz zu schweigen, der sofort gegen die ganz große Konkurrenz antreten muss und dem man unser Meisterschaftssystem nicht in drei Worten erklären kann.
Eine Sportart erlebt keinen Aufschwung, indem man Meisterschaften für Minderheiten schafft und dem ist seit geraumer Zeit so, denn jeder soll sich selbst hinterfragen, wieviel % der Züchterschaft kommt denn für diese "elitären" Meisterschaften in Frage? Und will man einem Außenstehenden erklären, wie man denn eigentlich ERSTER in diesem Sport wird, dann weiß man gar nicht, wo man anfangen soll zu erklären – so geht es mir jedenfalls – , nur bestimmte Flüge zählen und die müssen dann mindestens so viele Beteiligte haben und eine Mindestentfernung aufweisen und dann müssen auch noch bestimmte Tauben angekreuzt werden usw. usw. Wer will das noch verstehen?
Die mittlerweile enorm hohen Anfangskosten für jeden Neuanfänger sind ja quasi schon eine Einstiegshürde, die viele scheitern lässt. Das immer modernere Equipment tut seinen Teil dazu, von den Anschaffungskosten für die gute Tauben möchte ich erst gar nicht reden. Hier müssen Möglichkeiten geschaffen werden, Neuanfänger zu unterstützen z.B. Gründungen von Patenschaften oder Einrichtung eines Fonds. Es ist wohl honorig für die Aktion Mensch Geld zu spenden, aber es wird Zeit, dass der Brieftaubensport mal an seine eigenen Probleme denkt. Ein Ausfliegen von Medaillen für diese Zwecke würde schon weiterhelfen.

Reiserichtungen und Flugentfernungen

Die Diskussionen in den Regionalverbänden, wer mit wem und wer mit wem wohin, diese Diskussionen/Streitigkeiten hat es immer gegeben und wird es immer geben und eine 100%ige Wahrheit wird man hier auch nicht finden. Fakt ist aber, dass die sehr guten Tauben aus alle Richtungen gut fliegen. Wir haben doch die  Allroundtaube, das behaupten wir Deutsche doch immer.
Die alles entscheidende Frage ist doch, welche Flüge sollten denn für unsere Meisterschaften auf Bundesebene zählen. Man sollte nur Flüge über 400 km in die Wertung nehmen, weil unter 400 km Wind und Lage zu viel beeinflussen und immer Unzufriedenheit hervorrufen. Natürlich kann auch über 400 km bei extremen Windverhältnissen die Nachteile einer schlechten Lage nicht ausgeglichen werden, aber das ist dann halt so, weil Brieftaubensport nicht in der Halle ausgeübt werden kann, das muss man dann einfach mal so akzeptieren.
Aber je weiter die Flüge gehen umso leichter ist es für die wirklich gute Taube, die Durchschnittsgeschwindigkeit bis zum Ende aufrecht zu erhalten und somit die Nachteile der ersten Kilometer auszugleichen. Dass unser System mit der Durchschnittsgeschwindigkeit bei normaler Wetterlage (z.B. kein Wind!) die hinteren Schläge benachteiligt, weil bei den letzten Kilometern die Durchschnittsgeschwindigkeit immer sinkt und somit der hintere Schlag es viel schwerer hat die Spitze zu erreichen, das steht auf einem ganz anderen Blatt.  
Hier sind wir dann schon beim nächsten Streitpunkt, wie weit soll es denn bitte gehen. Ich möchte nicht zurück schauen in Zeiten, wo sich jeder Züchter auf die Flüge jenseits der 600 km gefreut hat. Aber man muss die Vergangenheit kennen, um die Gegenwart zu verstehen und um die Zukunft gestalten zu können. Wie gestaltet man ein modernes Meisterschaftssystem für das Normalprogramm? In der heutigen Zeit, wo die Versorgung stattfindet mittels modernsten Futterzusammenstellungen und  Ergänzungsmitteln, die gezielt die einzelnen Organe der Taube unterstützen, und wo Vorbereitungs- und Trainingsmethoden so ausgeklügelt sind, dass nichts mehr dem Zufall überlassen wird, Auflassleiter Zertifizierung nachweisen müssen und die medizinische Versorgung Dimensionen annimmt, die jeden Allgemeinmediziner schwindelig werden lassen, da sollte es, nein es muss möglich sein, die Tauben Entfernungen über 600 km, ja auch 700 km, fliegen lassen zu können.
Was sich mir bis heute nicht erschließt ist das ewige Lamentieren über Wind und Lage. Nur bei Flügen ab 400 km, ja besser sogar noch ab 500 km, ist es einigermaßen gewährleistet, dass Ungerechtigkeiten durch schlechte Lage oder schlechten Wind oder beides nivelliert werden. Warum fliegen unsere Nachbarn in Belgien bei ihrer Mittelstreckenmeisterschaft acht bis zehn Wochen nur Flüge von 400 bis 600 km? Darüber sollten bzw. hätten wir schon längst mal nachdenken müssen. Mir ist seit Jahren unverständlich, warum man immer zu kürzeren Distanzen tendiert. Grund könnte das vom Verband initiierte Meisterschaftssystem sein. (...)

Meisterschaftsmodelle

Ich sammle nun seit über 35 Jahren Beiträge zu diesem Thema. Beim Durchblättern fällt mir immer wieder auf, es wurde schon sehr vieles versucht, wieder verworfen, neu überdacht, angepasst, feinjustiert und wieder in Frage gestellt. Eines haben aber fast alle Meisterschaftssysteme gemein, sie sind weder familienfreundlich noch praxisnah.
Meistens wird bei uns nach dem Prinzip alter Wein in neuen Schläuchen gehandelt, aber man muss alte Zöpfe abschneiden, damit etwas wirklich Neues nachwachsen kann. Im Mutterland des Brieftaubensports, in Belgien, fliegt man Meisterschaften getrennt aus, kurz, mittel, lang und general. Jeder kann sich für was entscheiden und ist nicht gezwungen immer und immer wieder zu setzen, weil das Meisterschaftssystem es so vorsieht. Wenn einer Generalmeister werden will und die Zeit hat, kann er alle Meisterschaften mitmachen, aber es muss für den Züchter eine Wahlmöglichkeit bestehen. Wenn eine RV dann zusätzlich noch Männchenmeister, Weibchenmeister, Jährigenmeister, Pokalmeister u.v.m. ausfliegt, dann ist das der Wunsch der Züchter in dieser RV.
Nehmen wir die Bewertung der As-Tauben in Belgien, die ja nach einem Koeffizienten erfolgt. Im Vergleich zu unserem As-Tauben-Bewertungssystem kürt das eindeutig die wahre As-Taube, weil ein 1. Preis gegen 10.000 eben mal qualitativ hochwertiger ist als ein 1. Preis gegen 1.000 Tauben. Ich höre jetzt schon den Einwand, was kann ich dazu, wenn in meiner RV/Gruppe keine Flüge mit 10.000 Tauben zusammenkommen. Hier liegt eine große Chance für den Verband, dass man über das Ausfliegen der As-Tauben mittels des Koeffizienten die große Taubenauflässe indirekt forcieren könnte.
Die Züchterdichte in Deutschland zwingt uns sowieso in nicht allzu langer Zeit zu einem Umdenken, weil sonst in Regionen, wo jetzt schon auf 14 Quadratkilometer (= 4 km * 3,5 km) nur ein Züchter kommt, eine sinnmachende Konkurrenzliste überhaupt nicht mehr möglich ist. Hier wurde in der Vergangenheit zu wenig darauf geachtet, dass der Westen Deutschlands gut mit Taubenzüchtern versorgt ist, aber der Rest (Ost, Süd, Nord) einfach eine zu geringe Züchterdichte aufweist.   
Die wichtigste Meisterschaft, um die Mehrheit der Züchter zu motivieren, ist und bleibt die RV-Meisterschaft. Wenn es dann Reisevereinigungen gibt, die ihre Meisterschaft so ausfliegen wie noch vor 50 Jahren (z.B. nur nach Preisen oder nur nach Kilometern), gut dann ist das eben so, denn diese Meisterschaft bestimmt keine Reisekommission. Dass man hier mehr Zukunft, sprich auch Fortschrittlicheres braucht, hängt nicht an der „Jugend“ des Brieftaubensports, sondern an den älteren Semestern, die dann immer argumentieren, die haben wir schon immer so ausgeflogen. Hier wäre ein Umdenken sehr wünschenswert, denn wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.
Die Regionalmeisterschaft sieht in den meisten Fällen so aus, dass man sie nach dem Muster der Verbandsmeisterschaft bzw. nach der RV-Meisterschaft des Verbandes ausfliegt. Einen deutschen Meister zu küren, der nach dem System der letzten fünf weitesten Flüge mit entsprechender Kilometeranzahl ausgeflogen wird, ist eigentlich ein großes Armutszeugnis. Gleich mit wem und wo man sich unterhält, jeder findet dieses Meisterschaftssystem einfach ungerecht. Kein Streichergebnis zu haben und alle anderen Flugleistungen vorher als unwichtig zu degradieren, das ist einfach zu kurz gesprungen.

Fazit
Unser Brieftaubensport muss wieder einfacher werden und vor allem familienfreundlicher. Die Zeiten der "alten Züchter", die nichts kannten als nur Brieftaubensport, sind längst vergangen und vorbei. Wir müssen weg von diesen komplizierten Meisterschaftssystemen, weg von Meisterschaftssystemen, die nur einen Bruchteil der Züchterschafft betrifft  und weg mit diesen Begrenzungen hinsichtlich Kilometer, Beteiligte und Taubenanzahl, weg mit allem, was man einem Außenstehenden nicht auf einem Bierdeckel erklären könnte.   
Alle überregionalen Meisterschaften sollten nach einem einfachen Modus ausgeflogen werden. Ob man da auf die Karte der Benannten oder der Unbenannten oder einer Kombination aus Beidem – wie z.B. in Holland und Belgien – setzt oder den Modus wählt die fünf Besten nach einer Kombination – As-Punkte, Kilometer und Preise (...).
Die Entfernungen müssen mindestens 400 km betragen und Streichergebnisse müssen möglich sein. Der Verband muss Kurz-, Mittel-, Lang- und Generalmeisterschaften anbieten, die As-Tauben müssen anhand eines Koeffizienten ermittelt werden. Vor kurzem hatte ich ein Buch von Herrn Hertel in der Hand, der das schon vor über 20 Jahren propagierte. Ich frage mich dann immer, wieso lässt sich sowas logisch Nachvollziehbares wie die Anwendung des Koeffizienten nicht bei uns durchsetzen?
Es gäbe noch so viele Beispiele, Möglichkeiten, Anregungen, Argumente gegen dies oder das, für oder wider. Weiteres vielleicht in einem nächsten Beitrag.



Joachim Bühner
• RegV 750 • RV Burkardroth • Verein Rhönvogel
eMail: joachim.buehner@gmail.com • Handy: 01578-5058023

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